Die vorliegende Abhandlung setzt sich zum Ziel, jene Periode der Stilllebenmalerei, die mit J.-B. Sim on Chardin anhebt und bis in die klassische Phase der Moderne f hrt, entwicklungsgeschichtlich, formanalytisch und hermeneutisch zu erforschen. Der zentrale Ansatz der Studie ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem h ufig irref hrenden Begriff Stillleben (nature morte, natura morta), der von der Forschung vorwiegend als "bildliche Wiedergabe lebloser bzw. unbewegter Dinge" definiert wird. Dagegen ist einzuwenden: Stets zielt das Streben der K nstler darauf ab, die "toten" Dinge der Naturwirklichkeit in eine dynamische, sinnstiftende Kunstwirklichkeit zu transponieren, sie dadurch gleichsam zum Leben zu erwecken. Diesbez glich sind der traditionellen kunstwissenschaftlichen Analyse-Praxis nur sehr eingeschr nkte Rezeptionskenntnisse zu attestieren; was bislang fehlt, ist ein methodologisch abgesichertes Deskriptionssubstrat. Letzteres ist nur auf Basis einer interdisziplin ren Einbeziehung der Wahrnehmungspsychologie und Gestalttheorie zu erreichen. Erst wenn man den zwingenden Kontext zwischen Dynamik und Ausdrucksqualit ten erkannt hat, wird evident, dass jeder dynamisch strukturierten Form und Gestalt ein semantisches Potential von universaler Tragweite innewohnt. Daraus resultiert ein hermeneutischer Ansatz sui generis, der keinen Zweifel daran l sst, dass auch ein Stillleben mehr bezweckt bzw. bedeutet als nur die Darstellung leblos unbewegter Dinge, dass sich darin vielmehr auch menschliche Charaktere, Verhaltensweisen, ja Schicksale ausdr cken lassen - etwa wie es R. Arnheim formuliert hat: "Stillleben vermitteln die gleiche Botschaft wie Menschengruppen. Hier wie dort handelt es sich um die Verk rperung visueller Kr fte, in denen das Grundthema des Bildes abstrakt, aber zugleich h chst augenf llig versinnbildlicht wird."