Mit dem Ende Westroms stellte sich die Frage, wer nun politische Aufgaben in der Spatantike ubernehmen konnte. Lateinische Heiligenviten (Vitae sanctorum) dokumentieren, dass es die 'Heiligen' waren, die zwischen dem vierten und sechsten Jahrhundert n. Chr. einen grossen Teil der offentlichen Funktionen wahrnahmen. In diesen Biographien erscheinen die Heiligen als Mittler zwischen der stadtischen und landlichen Bevolkerung auf der einen und den romischen wie gentilen Machthabern auf der anderen Seite. Bischofe, Abte, Abtissinnen und andere heilige Manner und Frauen setzten sich fur die Befreiung von Kriegsgefangenen ein, organisierten die Versorgung mit Nahrungsmitteln und fuhrten Gesandtschaftsreisen durch. Jan Seehusen zeigt, wie sich die 'schutzenden' Heiligen im hagiographischen Diskurs des lateinischen Westens zunehmend etablierten und in welchen Schattierungen ihr Wirken zu beobachten ist. Neben einer neuen Typisierung der Heiligen liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Wirkabsicht und den intendierten Adressaten ihrer Viten. Seehusen macht damit in umfassender Weise rezeptionsasthetische Uberlegungen fur die Erforschung von Heiligenviten fruchtbar, die zum Verstandnis ihrer Genese sowie ihrer Einbindung in die spatantike Lebenswelt insgesamt beitragen.
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