Bücher Und Identitäten: Literarische Reproduktionskulturen Der Vormoderne. Überstorfer Colloquium 2016 [German]
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Das Format der Literatur, ihre materielle und mediale Erscheinung im handgeschriebenen Codex oder im gedruckten Buch, sind in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Fokus der medi vistischen Forschung ger ckt. Der material turn in den Literaturwissenschaften bedeutete die berwindung der Dichotomie von materieller Form und semiotischem Gehalt von Schrift und Buchk rper. Neuimpulse dieser Einsicht betreffen alle Bereiche des literarischen Prozesses: auf der Produktionsebene die Untersuchung kultureller Praktiken im Schnittfeld von Sprache, Technologie und K rper, auf der Ebene des Texttr gers den Beginn der planm igen Erschlie ung und Dokumentation in gro angelegten Digitalisierungsprojekten, auf der Rezeptionsebene den Nachvollzug von visuellen Perzeptionsmodi und den damit verbundenen Sinnbildungsmustern. Doch kann die Erkenntnis, dass Literatur eine gegenst ndliche Form hat, einen Schritt weiter f hren, erfasst man das materiale Buch nicht als autonomes Objekt, sondern erlaubt eine prozesshafte Perspektive auf die genannten Bereiche: Von der Schreibszene und der Konzeption des materialen Textes ber seinen Tr ger bis hin zur intendierten und zur tats chlichen Rezeption ffnet sich der Blick auf dynamische Verl ufe, die hier als literarische Reproduktionsprozesse bezeichnet seien. Aus historischer Warte liegt ein besonderer Reiz dieser Perspektive darin, dass das materiale Buch als Artefakt und physisch erhaltener Zeuge eines solchen Prozesses die ungleich verg nglicheren, situativ gebundenen Konstellationen der Produktion und Rezeption berdauert, welche erst die historische Analyse bedingt erschlie en und mit dem materialen Objekt verbinden kann. Zu untersuchen ist damit nicht nur das Verh ltnis von Materialit t und Textualit t, sondern zugleich die Frage nach der Materialisierung und nach der Textualisierung kultureller und historischer Ph nomene. Dies verlangt einen historischen Zugriff, der Produktions- und Rezeptionskontexte gleicherma en in gr eren Zusammenh ngen und in Mikroperspektive, im Sinne einer Poetik der Kultur, zu untersuchen bereit ist. Die Beitr ge dieses Bandes versuchen diesen Schritt zu gehen, indem sie Handschriften und Fr hdrucke zugleich als materiale Artefakte und als Bestandteile kulturhistorischer und diskursiver, nicht selten situativer, r umlich und zeitlich begrenzter, eng institutionen- oder personengebundener Prozesse untersuchen. Unter den medialen Bedingungen der Vormoderne, die Produzenten, Medium und Rezipienten r umlich und diskursiv nahe zusammentreten lassen und die einen Codex zum aufwendig gestalteten und kostbaren Besitz machen, sind literarische Reproduktionsprozesse dabei h ufig Teil individueller, kollektiver und partizipativer Identit tsbildung oder -repr sentation der beteiligten Personen und Institutionen. Sie tragen in diesem Sinne zur Diskussion um historische Formen der Identit tskonstitution bei.
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